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Der Architekt

Die Sicht des Architekten

aus der Rede von Architekt Rainer Schnell
zur Einweihung der Kirche 1963

Kunst - und insbesondere Baukunst - erschließt sich weniger durch das Wort, als vielmehr durch das aufmerksame Sehen, durch das Erkennen des Bauwerks in seiner Umwelt, das Umschreiten, das im Bau sein und in ihm leben, durch den unvoreingenommenen Gebrauch also - durch ein echtes -In-Eigentum-Nehmen - mit Geist und Seele.

Ein Kirchbau heute ist notwendig anders als vor unserer Zeit; er ist mehr Ärgernis für die gleichgültige Umwelt, der die Kirche nicht mehr die Mitte ist - so wie jeder Anspruch Ärgernis ist - für den, der nicht angesprochen wird oder nicht angesprochen sein will.

Und unser Kirchbau heute ist notwendig anders als zuvor, weil er der Spiegel unseres heutigen Strebens ist; - unsere Seele, so wie wir heute sind - zwischen unseren Vätern und unseren Kindern; - in unserer Umwelt, in der wir uns mühen, mit heißem Herzen die Flamme am Brennen zu halten:

Wir sehnen uns nach Geborgenheit im Raum - müde des täglichen Ausgesetztseins im Reiz und im Tagesgeschwätz der vielgestaltigen Welt.

Wir sind arm im harten Gedränge der Menschen draußen und sehnen uns nach brüderlichem Gespräch und Gehaltensein; - nach Gemeinde.

Und wir haben Sehnsucht nach Einfalt und Unschuld in dieser Welt des Tricks und der vordergründigen Schläue.

Mit dieser Gebärde der Unschuld sollte die Kirche und der Turm auf dem Platz und an der Straße der Menschen stehen, - mit der Kraft des Ausdrucks, mit der wir uns zur Bruderschaft bekennen und zur Gemeinde aufrufen - einfach, ohne Trick und ohne Mode - alltäglich und festlich zugleich

Der große Block der Kirche steht fast urtümlich inmitten der menschlichen Wohngehäuse und Geschäfte. Er ist notwendig anders als diese, - härter, fester, weniger gleichmütig; und mit einem Wesen, das uns engagiert, weil es sich vom übrigen Gebauten und somit von unserem übrigen Tun sondert.

Jenen gleichen Anspruch und die gleiche Einfalt sollte der Raum haben, in dem die Gemeinde sich findet:

Die hohen Wände behüten und bewahren; die Fenster oben geben aus reichend Licht, und die beiden Emporen, rückwärts für die Gemeinde und seitlich für Chor und Orgel, geben dem Raum Gliederung und Dichte und machen ihn gleicher weise für den Sonntagsgottesdienst wie für den Festtagsgottesdienst tauglich. Und es entsteht durch die frei schwebende Emporenbrücke eine Art Seitenschiff, in dem der Taufstein - neben dem Eingang - seinen rechten Ort hat. Hier mündet auch die Emporentreppe, die offen im Raum bleibt, so dass beim Gang zum Abendmahltisch der Raum der Gemeinde nicht verlassen zu werden braucht.

Altar und großes Kreuz in der geistigen Mitte, die Kanzel rechts davon und das
Orgelhauptwerk künftig links oben auf der Empore - das sind die Hauptglieder, die sich an der Altarwand im rechten Rhythmus ordnen. Der Wandteppich rechts oben und das kleine Rückenpositiv der Orgel auf der kleinen Betonplatte an der Emporenbrüstung links oben sind wesentliche Zutat zu dieser Ordnung.

In dem Teppich, den Helga Portig-Sitka geschaffen hat, ist das Wort -Matthäus 11, Vers 28: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken" - künstlerisch-symbolhaft dargestellt und in Farben verwoben; - ich meine beglückend "einfältig-abstrakt", - erkennbar und uns ergreifend - und doch so stille bleibend, dass es nicht eine Art Literatur wird, die uns - täglich mit gleichen Worten vor Augen - stören würde, - sondern offensichtlich unserem Gemüt und unserem Nachdenken mit den Mitteln ihrer Kunst manche neuen Wege öffnet.

Rauher Beton, Backstein und Holz sind die Elemente des Raumes; - kein "Ersatz", der uns heute allerorten umgibt, sondern beständiges Material, dem die Tagesmode nichts anhaben kann.

Nichts Kunstgewerbliches, keine erregende Neuheit; sondern stilles Bescheiden. - Das Schlagwort und der Ballast und der Plunder bleiben draußen; denn sie dienen dem Menschen nicht; sie verstellen nur die Seele.
Hier soll das Wort - ohne Umweg und ohne falsche baukünstlerische Erläuterung in der Gemeinde sein, die Predigt sich bewähren und der Gesang der Gemeinde sich mit, dem Spiel der Orgel zeitlos vereinen.

Ich hoffe, dass es uns bei diesem gemeinsamen Werk gelungen ist, etwas von jenen Wünschen mit unseren bescheidenen Kräften und Mitteln erreicht zu haben.

Und ich wünsche, dass in diesem Haus eine lebendige Gemeinde sich findet und dass der Kirchbau damit "Kirche" wird.

Quellenangabe: Erlösergemeinde

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